Leo Thun an Václav Vladivoi Tomek
Wien, 12. Mai [1854]
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Regest

Leo Thun bittet den Historiker Václav Tomek, die Publikation eines Aufsatzes in der Zeitschrift des Vaterländischen Museums in Böhmen so lange zu verschieben, bis Thun mit ihm ausführlich darüber gesprochen hat. Thun ist überzeugt, dass der Aufsatz nur Öl in das Feuer der nationalen Auseinandersetzungen gießen wird, weil er in der vorliegenden Form sicherlich falsch verstanden werden wird. Thun unterstützt jedoch den Inhalt des Aufsatzes und die Ansichten von Tomek. Thun glaubt auch, dass Tomek in seinem Eifer vielleicht über das Ziel hinausgeschossen ist und dass er Feinde sieht, wo es gar keine gibt.

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Edierter Text

Wien den 12. Mai

Werther Herr Professor!

Helfert hat mir Ihr umständliches Schreiben vom 30. v. M. mitgetheilt. Morgen ist der Termin bis zu welchem Sie eine Antwort nöthig haben. So müssen denn heute diese Zeilen abgehen, obgleich ich wieder nicht die nöthige Muse, um ihnen so überlegt zu schreiben, als es in meinem Wunsche läge. Ich werde eben thun was ich kann.
Sie wünschen den bewußten Aufsatz in den čas[opis]. mus[eum]. einzurücken. Sie bedürfen dazu meiner Erlaubnis nicht; ich will Sie Ihnen aber auch nicht verweigern. Mehr noch. Ich finde den Aufsatz im Herzen sehr gut; ich habe ihn mit wahrer Freude gelesen, ich bin überzeugt, daß er namentlich in Böhmen heilsam wirken wird. Ich muß daher wünschen ihn gedruckt zu sehen; in je mehr Sprachen desto besser, gleichwohl wenn ich von meinen Wünschen reden soll, muß ich sagen: ich wünsche nicht, daß er genau so, wie ich ihn gelesen habe, sondern, daß er mit einigen Änderungen und Zusätzen gedruckt werde, und zwar 1. weil ich glaube, daß er dadurch noch besser werden würde, als er schon ist, 2. weil dadurch einer Problematik vorgebeugt würde, die mir durchaus unerwünscht scheint. Darüber möchte ich mich deutlicher aussprechen.
Sie haben allerdings Recht, wenn Sie sagen, es gebe eine Parthei, welche die Einheit und Macht Österreichs mit der Herrschaft des deutschen Stammes über alle andere identifiziert und die Österreich nur betrachtet jako velikého Německa. Sie haben so recht, wenn Sie sagen: Nicht wir, sondern jene Leute sind eine nazionale Parthei. – Hingegen ist es eben so wahr, daß dieser nazionalen Parthei andere nazionale Partheien entgegenstehen. Ferner, daß jene wenigstens, wenn auch auf ihrem Wege, doch Österreich erhalten und mächtig wissen will, während die anderen bisher zu Tage getretenen nazionalen Partheien nicht gezeigt haben, daß sie das wollen. Wahr ist es endlich, daß diejenigen, die denken wie wir, d. i. die österreichisch und deutsch nicht identifiziert wissen wollen, die ohne nazionale Vorutheile eben doch Österreich mächtig wissen wollen, die das mit voller Aufrichtigkeit wollen, d.i. sodaß sie bereit sind, auch alle dazu nothwendigen Bedingungen zu wollen, noch sehr wenige sind, daß ferner unsere Auffassung der Sache noch ziemlich neu und den wenigsten Menschen verständlich ist. Sie verständlich machen, ist nun eben Ihr Wunsch, den ich von Herzen theile. Soll es gelingen, so müssten wir mit großer Vorsicht zu vermeiden suchen, daß man an unserer aufrichtig österreichischen Gesinnung in Zweifel ziehen und uns mit anderen Gegnern der deutsch-nazionalen Partheien verwechseln könne. Die Gefahr dessen ist in der Natur der Sache gegründet, und der Verdacht oder wenigstens Zweifel über unsere Gesinnung kann optima fede von Leuten gehegt werden, die noch keineswegs zu jener deutsch-nazionalen Partei gehören. Ich bin nun in der That der Ansicht, daß Ihr Aufsatz zu jenem Zweifel einen Anlaß gibt; nicht sowohl durch das was er sagt, als vielmehr daß er sich über einiges nicht ausspricht und deshalb im Zweifel läßt, ob es nicht deshalb geschehe, weil hinter der Lücke eine unösterreichische Ansicht stand. Es ist mir leider wegen Mangel an Zeit nicht möglich, mich hierüber schriftlich umständlich auszusprechen, und es will mir scheinen, daß Helfert, als er es that, meine Gedanken dabei nicht ganz aufgefasst hat. Ich sehne mich aber dennoch mit Ihnen darüber zu sprechen, weil ich an einer Verständigung nicht zweifeln kann. Auf diese lege ich aber großen Werth, denn es will mir scheinen, daß es davon abhängen werde, ob Sie mit Ihren Ansichten auf friedlichem Wege, den allein ich wünschen kann, durchdringen werden oder ob Sie sofort Gegenstand einer die ganze Sache vergiftenden und daher ihren heilsamen Einfluß vom Anfang an lähmende Polemik werden wird. Es ist mir leid genug, daß v. J. in meiner Abwesenheit damit der Anfang gemacht wurde! Ich wünsche diese Verständigung um so mehr, als ich aufrichtig gestehe: ich besorge, die schon begonnene Polemik vergiftet ihr eigenes Gemüth oder stört wenigstens jene Ruhe, die zu einem unbefangenen Urtheil und zu besonnener Durchführung bedeutender Ideen unerlässlich nothwendig ist.
Ich glaube in der That, Sie sehen schon jetzt partheiische Gegner in Männern, die es wirklich nicht sind, und sind in großer Gefahr dem ungegründeten Misstrauen, daß sich gegen Sie geltend macht auch wieder gegen Andere Raum zu geben und das wäre mir außerordentlich leid, weil es Ihre eigene Haltung gefährden müsste. Mein Wunsch wäre also allerdings, Sie warteten noch mit der Publikation Ihres Aufsatzes, bis wir uns einmal darüber ausgesprochen haben. Inzwischen würde ich gern – wenn es Ihnen recht ist – Jirecek zu unserem Zwischenträger machen. Er könnte die Briefe, die bereits an Sie in der Sache geschrieben wurden (diesen inclusive), so wie die von Ihnen geschriebenen, studieren, mit mir diskutieren, und Ihre Schreiben nach Umständen mit Ihnen sprechen, bis Sie mich etwa in den Vakanzen wieder besuchen, wo ich auch über das Schulbuch sehr mit Ihnen zu sprechen wünsche.

Mit aufrichtiger Hochachtung

Thun