Der Jurist Johann Friedrich Schulte informiert den Minister in einigen Personalfragen und äußert sich zur neuen Prüfungsordnung. Zunächst teilt er Thun mit, dass Anton Goebel die ihm angebotene Stelle in Bedburg (Rheinland) aus Pflichtgefühl gegenüber dem dortigen Gymnasium provisorisch angenommen habe und daher vorerst nicht nach Österreich kommen werde. Dennoch möchte er Thun bitten, ihn vorerst nicht vollkommen für eine Stelle an einem österreichischen Gymnasium abzuschreiben, zumal Goebel den Posten in Bedburg nur provisorisch angenommen habe. Anschließend äußert sich Schulte kritisch über die neu erlassenen Prüfungsinstruktionen. Er bemängelt insbesondere die Praxis, dass ein Kandidat, der in einem Hauptfach reprobiert wurde, durch gutes Abschneiden in anderen Fächern dennoch approbiert werden könne. Außerdem regt er an, die Zahl der Prüfer pro Rigorosum auf drei festzulegen und die für die Prüfung veranschlagte Zeit dem Umfang des Faches während des Studiums anzupassen. Das würde aus seiner Sicht etwa bedeuten, dass man die Prüfungszeit für das Lehensrecht verkürzt. Auch weist Schulte darauf hin, dass es aus seiner Sicht notwendig sei, bei Prüfungen viel stärker darauf zu achten, dass nicht bloß Wissen, sondern auch methodische Kenntnisse geprüft werden. Zuletzt berichtet der Professor, dass Eduard Buhl zum Habilitationskolloqium zugelassen worden sei.
Hochzuverehrender Herr Minister!
Euer Excellenz
habe ich die Ehre ganz ergebenst anzuzeigen, daß der Oberlehrer Dr. Anton Goebel mir am gestrigen Tage
mitgetheilt hat, daß er – einerseits bewogen von der Rücksicht auf seinen Oheim,
welcher sein Vormund war und ihm sehr zugesetzt hat, eine so schöne Aussicht
nicht auszuschlagen, andererseits, um nicht bei dem gleichzeitigen Abtreten von
drei Lehrern in Bedburg, da die Regierung keine
hinreichende Anzahl von Candidaten hat, die Ritterakademie ins Stocken zu
bringen – die ihm übertragene Stelle eines wirklichen Studiendirectors (800 R.Th.
Gehalt, freie Wohnung, Tisch usf. bez. nach der Verheirathung Entschädigung
hierfür) angenommen habe, jedoch, um die ihm geschilderten schwierigen
Verhältnisse erst selbst kennen zu lernen, seinerseits provisorisch, so daß er
im Herbste sofort austreten kann. Er sagt Eurer Excellenz seinen tiefsten Dank
für Hochdero gnädiges Vertrauen mit der ergebensten Bitte: ihn vorerst noch
nicht aus der Liste zu streichen, da er gern käme, wenn die Verhältnisse dort
ihm nicht durchaus zusprechen, und er dann gewiß mit um so größerer Lust sich
heimisch fühlen würde. Mir ist dies sehr leid; ich habe mich aber für
verpflichtet gehalten, ihm nicht weiter als in freundschaftlicher Beziehung zu
zureden.
Sollte es noch der Wille Euer Excellenz sein, mir die Bearbeitung
der Schrift über das Ehegesetz zu übertragen, so kann ich mich auch jetzt
derselben um so mehr unterziehen, als der Druck der ersten Abtheilung meines
„Systemes des katholischen Kirchenrechts“ sich seinem Ende nahet und das
Manuscript der zweiten vollendet ist. Für diesen Fall werde ich mich sofort nach
Übersendung des Materials an die Arbeit machen.
Gestatten mir Euer Excellenz
mit Rücksicht auf die zweifelsohne jetzt vorbereiteten Prüfungsinstructionen
einige ganz ergebenste Bemerkungen, welche ich im Interesse der Studien
Hochderselben zu machen unterthänigst wage. Es hat sich mir durch meine hiesige
Praxis außer Zweifel gestellt, daß – wie es bei den Rigorosen stattfindet – der
Modus: das Resultat nach der Stimmenanzahl zu bemessen, gänzlich unzulänglich
ist. Es kam vor, daß ein Candidat im Lehenrechte (2 Stimmen) und römischen (2
Stimmen) approbirt wurde, im kanonischen keine Frage beantwortete, durchaus
nichts wußte, von beiden Examinatoren reprobirt wurde und doch im
Gesammtresultate approbirt. Entweder, glaube ich, wäre der Fachprofessor allein
und stets zuzuziehen, seiner Entscheidung alsdann in Betreff seines Faches sein
decisives Votum beizulegen und eine Reprobation in einem Hauptfache für eine
generale zu halten, oder es sollte unter den Examinatoren deliberirt und nur bei
Resultatlosigkeit der Deliberation nach der Majorität entschieden werden. Sodann
glaube ich, daß die Anzahl von drei höchstens vier Examinatoren stets genügt;
denn bei einem langsamen Candidaten kann man in 17 Minuten (diese Zeit fällt
z.B. im 2. Rigorosum auf den einzelnen) nichts anfangen. Weiter dürfte es wohl
nicht unzweckmäßig sein, die Zeit nach den Gegenständen zu bestimmen. So fällt
jetzt auf canonisches Recht im 2. Rigorosum 34 Minuten, auf Lehenrecht
ebensoviel, auf römisches 51, obwohl ein fähiger Kopf für Lehenrecht höchstens
1/20 der Studienzeit für das canonische Recht gebraucht und letzteres dem
Umfange selbst nach, größer als das römische ist, jedenfalls den meisten
Studierenden mehr Schwierigkeiten macht, weil sie nicht historisch genug
vorgebildet sind (in Deutschland ganz ebenso). Für die erste
Staatsprüfung (nach dem neuen Studienplane) dürfte wohl gewiß römisches und
canonisches Recht unbedingt genügend absolvirt sein, um approbirt zu werden,
während ich der Meinung wäre, der deutschen Rechtsgeschichte nicht ganz dieselbe
Stellung einzuräumen, weil es große Schwierigkeiten hat, bei hauptsächlich
historischen Studien durch bloße Prüfung von der wirklichen Leistung sich zu
überzeugen, ohne ungerecht zu sein. Man könnte dieselbe als Ergänzung der beiden
anderen wirken lassen. Die Zeit betreffend, so glaube ich, daß 1 Stunde für
einen Candidaten vollkommen hinreicht. Endlich erlaube ich mir noch, Euer
Excellenz ganz ergebenst darauf aufmerksam zu machen, daß nach den Erfahrungen
aller Orte die Mehrzahl der Studierenden zwar nicht unbedingt non vitae sed
scholae studiert, aber doch das Maaß der Leistungen für sich nach demjenigen
einrichtet, welches der Examinator anlegt, ganz besonders aber auf den letzteren
viel darauf ankommt, ob die Methode, der Geist des Studiums eine
wissenschaftliche sein muß, oder ob es hinreicht, dem Gedächtnisse die einzelnen
Rechtssätze usf. einzuprägen, dazu allenfalls den Text des Gesetzes zu erlernen.
Gerade eine solche indirecte Nöthigung ist ganz besonders beim Kirchenrechte
erforderlich, denn der Buchstabe wird hier niemals im Leben ausreichen, und für
ein der hohen praktischen Bedeutung der Silben angemessenes Studium kann nur
durch den möglichst wissenschaftlichen Geist des Vortrages und Examens – wobei
zugleich eine unbedingte praktische Vollständigkeit sich erreichen läßt, weil es
hauptsächlich hier nur der Prinzipien bedarf – nachhaltig und schon von Anfang
an Sorge getragen werden. Geruhen Euer Excellenz diese gehorsamsten Bemerkungen
in dem Geiste gnädigst anzunehmen, in welchem ich diesen Gegenstand
Hochdenselben bei Dero Anwesenheit hierselbst im November vorigen Jahres bereits
auszuführen die Ehre hatte.
Nochmals erlaube ich mir, Euer Excellenz
vorzustellen, ob sich nicht ermöglichen ließe, auch den Candidaten des 3. und 4.
Jahres die Rigorosen nach der neuen Ordnung zu gestatten?
Dr. Buhl hat eine Habilitationsschrift
eingereicht, in Folge derer derselbe auf mein Referat von dem Collegium zum
Colloquium (auf künftigen Montag) admittirt ist. Ich habe das Referat
absichtlich ausführlich und allseitig gemacht, um Euer Excellenz nach Hochderen
Wunsche dadurch einen Maaßstab der Beurtheilung zu geben. Auf seinen Fleiß
glaube ich, werden Euer Excellenz Sich in Zukunft verlassen können.
Indem
ich der ferneren Befehle Euer Excellenz ganz ergebenst harre, verbleibe ich mit
tiefster Ergebenheit, Dankbarkeit und Verehrung
Hochzuverehrender Herr
wirklicher Geheimer Rath und Staatsminister!
Euer Excellenz
gehorsamster Diener
Dr. Schulte
Prag den 11. April 1856